15 Jahre FAIRMËLLECH
Ein Projekt, das aus einer Krise entstanden ist und heute eine feste Größe im luxemburgischen Milchmarkt darstellt.
Das offizielle Geburtstagsdatum war im Februar, die Feierlichkeiten erstrecken sich jedoch über das gesamte Jahr hinweg: „Wir wollen uns nicht auf eine Veranstaltung begrenzen, denn den Erfolg der letzten Jahre wollen wir ausgiebig mit unseren Mitgliedern, Partnern und Kunden genießen“, so Danielle Warmerdam-Frantz, Präsidentin und Geschäftsführerin der FAIRMËLLECH, mit der wir auf die Entwicklung der letzten Jahre zurückblicken. Der Auftakt wurde auf dem "Bauerenhaff an der Stad" gemacht, wo der Stand über die drei Tage stets gut besucht war. Das nächste Highlight soll anlässlich der Foire Agricole Ettelbruck stattfinden, wo am Samstag, den 4. Juli, zusammen mit allen Beteiligten und Freunden der FAIRMËLLECH der Geburtstagskuchen angeschnitten wird. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildet im November die Expogast. Dazwischen gibt es zahlreiche lokale Veranstaltungen, bei denen die Produkte probiert und gekauft werden können.

Im Rahmen der Generalversammlung am 30. März 2026 blickte der Vorstand gemeinsam mit den Mitgliedern auf die Entwicklung der vergangenen Jahre zurück. Den Gesichtern im Raum ist der Stolz förmlich anzusehen – und das mit Recht. Im Laufe der Jahre wurde wohl mehr erreicht, als sich viele zu Beginn je hätten vorstellen können. Es verdeutlicht, welche Möglichkeiten entstehen, wenn Zusammenhalt und der Glaube an eine Idee aufeinandertreffen. Zu Beginn standen die Zeichen nämlich denkbar schlecht für das Projekt, das mittlerweile zu einer anerkannten Marke gereift ist. „Durch die Milchkrise im Jahr 2009 standen wir als Milchproduzenten mit dem Rücken zur Wand. Die niedrigen Milcherlöse konnten die hohen Erzeugerkosten nicht decken. Die Unsicherheit war groß – und entwickelte sich zunehmend in Richtung Existenzangst. Einige unserer Kollegen haben in dieser Zeit entschieden, die Milchproduktion aufzugeben und ihre Betriebe anders zu strukturieren. Dass sich etwas ändern musste, war offensichtlich, und eine möglicherweise passende Idee schwebte bereits in einigen Köpfen. Zu diesem Zeitpunkt fehlten jedoch das Wissen zur Umsetzung sowie die richtigen Partner. Seitens des Handels war zudem der Tenor, dass es nicht noch eine weitere Milchmarke brauche“, erklärt Danielle Warmerdam-Frantz. Der große Wendepunkt war sicherlich, dass immer mehr potenzielle Kunden die Bereitschaft signalisierten, Produkte kaufen zu wollen, die dem Landwirt tatsächlich einen besseren Preis garantieren. Daraus entstand der Mut, und die FAIRMËLLECH wurde gegründet – mit dem Ziel, den Mitgliedern einen kostendeckenden Milchpreis zu ermöglichen. Bei der Umsetzung der Idee erhielt die Kooperative Unterstützung vom Ministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Weinbau sowie durch die langjährigen Geschäftspartner BGL BNP Paribas und Luxlait. Letztere übernimmt bis heute einen Teil der Verpackung und der Logistik.
Getreu dem bekannten Zitat von George Bernard Shaw: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch doch an, wohin uns die Normalen gebracht haben“, nahmen 48 Gründungsmitglieder das Zepter selbst in die Hand, um sich vom klassischen System und der gängigen Praxis auf dem Milchmarkt abzugrenzen. „Zu Beginn wurden wir viel belächelt und uns wurde ein schnelles Ende prophezeit. Mit Sicherheit war das ein zusätzlicher Antrieb. Uns war aber bewusst, dass Scheitern keine Option sein konnte. Die Gründung der FAIRMËLLECH war der einzige Hebel, den wir als Milchproduzenten selbst in der Hand hatten, um direkten Einfluss auf unser Einkommen zu nehmen“, so Danielle Warmerdam-Frantz. Zum Start stand die UHT-Milch der FAIRMËLLECH erstmals in den Regalen einer großen luxemburgischen Supermarktkette. Gleichzeitig mussten sich die Mitglieder neben den zahlreichen Arbeitsstunden in ihren jeweiligen Milchviehbetrieben auf weitere Herausforderungen einstellen. Vertrieb, Verhandlungen, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit waren für viele Landwirte zu diesem Zeitpunkt absolutes Neuland, das es zu erschließen galt. Sie mussten ihre Komfortzone verlassen – ein Prozess, der nicht nur die FAIRMËLLECH voranbrachte, sondern auch die persönliche Entwicklung der involvierten Mitglieder förderte. Was damals ein Lernprozess war, ist heute gelebte Praxis und ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal. „Wir müssen als Marke, die in den Händen von Milchproduzenten ist, anders auftreten – und das war sicherlich auch für die Verantwortlichen im Handel neu. Für uns als Landwirte ist es bis heute schwer verständlich, dass Supermärkte, die morgens einen Liter Milch ins Regal stellen und ihn am selben Tag verkaufen, teilweise höhere Margen erzielen als der Preis, den wir für die Produktion dieses Liters Milch erhalten“, so Danielle Warmerdam-Frantz weiter. Die Produkte von FAIRMËLLECH sind heute in nahezu allen Supermärkten im Land vertreten, und die Beziehungen zu den Handelspartnern sind besser denn je. Man schätzt sich und pflegt einen engen Austausch.
Um in den Geschäften breiter aufgestellt zu sein, wurde eine breitere Produktpalette notwendig, die durch die Entstehung der Molkerei Thiry in Schouweiler möglich wurde. Claude Thiry, selbst Gründungsmitglied der FAIRMËLLECH, und seine Söhne suchten nach einer Möglichkeit, den Milchviehbetrieb zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Ziel war es, das Einkommensvolumen zu erhöhen, damit alle Familienmitglieder im Betrieb arbeiten und davon leben können. Durch die enge Zusammenarbeit zwischen Molkerei Thiry und FAIRMËLLECH ist eine Win-win-Situation entstanden. „Wir arbeiten sehr eng zusammen und unterstützen uns gegenseitig in unterschiedlichen Bereichen. Über die Jahre konnten wir so unsere Produktpalette erweitern und bieten neben frischer Milch auch frische Schokoladenmilch (mit Fairtrade-Schokolade), Joghurt, Pudding und Eis an“, erklärt Pole Thiry, die neben ihrer Tätigkeit in der Molkerei auch im Vorstand der FAIRMËLLECH aktiv ist. Durch die größere Auswahl wurden auch neue Kundengruppen angesprochen, darunter Kindergärten, Restaurants sowie Hofläden. Letztere erzielten insbesondere während der Corona-Krise gute Umsätze, was sich auch in den Verkaufszahlen der FAIRMËLLECH widerspiegelte.
„2021 war bislang unser bestes Verkaufsjahr – und das, obwohl wir kaum Öffentlichkeitsarbeit leisten konnten. Die Menschen reisten weniger und setzten sich intensiver mit ihrem Konsum auseinander. Erstmals wurde die Frage gestellt, ob die Lebensmittelversorgung langfristig gesichert ist. In dieser Zeit gab es auch keinerlei Preisverhandlungen mit Supermärkten – alle waren froh, wenn die Regale nicht leer waren“, blickt Danielle Warmerdam-Frantz zurück. Die folgenden Jahre waren geprägt von hoher Volatilität am Markt, bedingt durch geopolitische Entwicklungen sowie Tierkrankheiten wie etwa die Blauzungenkrankheit. „Durch die Schwankungen an den Märkten ist es aktuell schwieriger, Prognosen zu treffen und langfristige Verträge abzuschließen. Positiv ist jedoch, dass in den letzten Jahren der an die Landwirte ausgezahlte Milchpreis häufiger über den Erzeugerkosten lag, was eine gewisse finanzielle Entlastung ermöglicht hat. Als FAIRKOPERATIV haben wir deshalb bewusst entschieden, unseren Kunden entgegenzukommen und die Preise weniger stark anzupassen, als es der Markt vorgegeben hätte. Wir wollen den fairen Gedanken auf beiden Seiten leben“, berichtet Danielle Warmerdam-Frantz.
Ein Teil der Erlöse aus dem Produktverkauf wurde zudem in ein soziales Projekt in Burkina Faso investiert. Gemeinsam mit LuxDev und den belgischen Kollegen von FAIREBEL soll dort eine Molkerei aufgebaut werden, die lokalen Milchproduzenten einen kostendeckenden Milchpreis ermöglicht.
In den letzten Jahren mussten Milchproduzenten verstärkt lernen, mit Höhen und Tiefen umzugehen – eine Entwicklung, die die Zukunft der Branche prägen wird. Organisationen wie die FAIRKOPERATIV bieten hier die Chance, als Produzenten eine stärkere Stimme gegenüber dem Handel zu entwickeln und gleichzeitig Öffentlichkeitsarbeit gegenüber den Konsumenten zu leisten. Trotz des großen Potenzials bleiben auch Herausforderungen bestehen. Eine davon ist die zeitliche Belastung der Betriebsleiter, bedingt durch den Strukturwandel und den zunehmenden Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft. Früher engagierten sich viele Landwirte ehrenamtlich in Organisationen – ein Engagement, das heute aus Zeitgründen immer seltener wird. Eine weitere zentrale Herausforderung ist der Generationswechsel sowie der generelle Mangel an jungen Menschen in der Landwirtschaft. „Im Moment sind wir noch gut aufgestellt, aber wir müssen uns intensiv mit der Zukunft beschäftigen. Unser Ziel ist es, Strukturen zu schaffen, die es jungen Menschen erleichtern, sich zu integrieren und aktiv einzubringen. Gleichzeitig wollen wir der jüngeren Generation mehr Möglichkeiten zur Mitgestaltung geben“, erklärt Danielle Warmerdam-Frantz.
Abschließend betont sie, dass die FAIRMËLLECH weiterhin offen für neue Mitglieder ist. Zwar würde sich der Gewinn auf mehr Mitglieder verteilen, gleichzeitig würde dies jedoch die Position und Wahrnehmung stärken und neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen. Die aktuellen Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft sind die Teilnahme an einer Energie- und Nährstoffbilanz sowie die Bereitschaft, jährlich rund zwölf Stunden Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.



